Jesus sagte in Lukas 9,23: „Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.“
Das sind gewaltige Worte. Sie fordern eine Herzenshaltung, die völlig gegen unser natürliches Denken geht. Doch was bedeutet es konkret, „sein Kreuz auf sich zu nehmen“? Und warum ist das für uns als Nachfolger Jesu so entscheidend?
Das Kreuz als Symbol des Sterbens
Oft wird dieser Vers missverstanden. Manche denken, Jesus fordert uns auf, einfach unser Leid zu ertragen, unsere täglichen Herausforderungen „zu tragen“, oder dass es bedeutet, dass wir auf alles verzichten müssen, was Freude macht. Doch das ist nicht der Kern dessen, was Jesus lehrte.
Das Kreuz war in der Antike nicht nur ein Folterinstrument, sondern ein Symbol für den Tod. Wenn Jesus sagt, wir sollen unser Kreuz auf uns nehmen, dann spricht er von einem geistlichen Prinzip: Wir sind aufgerufen, unser altes, egozentrisches Ich abzulegen und uns ganz in seine Hände zu geben. Es geht darum, nicht mehr unser eigener Herr zu sein, sondern Christus den Platz zu geben, der ihm zusteht.

Paulus schreibt in 2. Timotheus 3,1-2:"Das aber wisse, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten eintreten werden. Denn die Menschen werden selbstsüchtig sein, geldgierig, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, unheilig."
Diese Beschreibung trifft heute erschreckend genau auf unsere Gesellschaft zu. Die Menschen lieben sich selbst mehr als alles andere. Sie drehen sich um ihr eigenes Wohlbefinden, ihren Erfolg, ihr Image. Alles ist darauf ausgelegt, sich selbst zu verwirklichen, sich selbst zu feiern und das eigene Glück über alles andere zu stellen.
Das ist ein radikaler Gegensatz zu dem, was Jesus lehrt.
Jesus sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Markus 12,31). Aber die Selbstliebe, die Jesus meint, ist eine, die in Gottes Liebe gegründet ist – eine gesunde Selbstannahme, die sich aus der Identität in Christus speist. Doch die Art von Selbstliebe, die Paulus beschreibt, ist eine zerstörerische, selbstsüchtige, narzisstische Liebe, die den Menschen zum Zentrum seiner eigenen Welt macht.

Ein ehrlicher Blick in unser eigenes Herz
Bevor wir nun mit dem Finger auf „die Welt da draußen“ zeigen, dürfen wir innehalten und uns selbst prüfen. Wie oft geht es in unseren Konflikten, in unseren Verletzungen, in unseren Enttäuschungen letztendlich um unser eigenes Ego?
Wenn wir verletzt wurden – sind wir verletzt, weil uns wirklich Unrecht getan wurde, oder weil unser Stolz getroffen wurde?
Wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen – ist es, weil Gerechtigkeit wirklich unser Ziel ist, oder weil wir einfach „Recht haben wollen“?
Wenn wir in Wut reagieren – ist es, weil Gottes Ehre verletzt wurde oder weil wir uns persönlich angegriffen fühlen?
Die Wahrheit ist: Unser Herz ist oft mehr mit Selbstsucht gefüllt, als wir denken. Und genau hier ruft uns Jesus auf, unser Kreuz auf uns zu nehmen – unser altes Ich loszulassen, unsere Ehre, unseren Stolz, unser Ego, und stattdessen in seiner Demut und Liebe zu leben.
Ein Beispiel aus dem Alltag
Stell dir vor, du hast einen Streit mit jemandem. Du fühlst dich unverstanden, ungerecht behandelt. Deine Gedanken kreisen darum, wie falsch der andere gehandelt hat. Vielleicht fängst du an, dich zu rechtfertigen, innerlich zu argumentieren, warum du im Recht bist.
Doch was wäre, wenn du stattdessen innehältst und Gott fragst:"Herr, wo bin ich in diesem Konflikt nicht demütig gewesen? Wo habe ich aus meinem Ego heraus reagiert? Wo habe ich mich selbst in den Mittelpunkt gestellt?"
Plötzlich erkennst du: Ja, der andere hat vielleicht Fehler gemacht – aber du auch.
Und statt weiter zu kämpfen, kannst du deine eigene Schuld anerkennen, um Vergebung bitten und Frieden stiften. Das ist ein Moment, in dem du dein Kreuz auf dich nimmst.

Kein Gesetz, sondern eine Einladung zur Freiheit
Manchmal haben Christen eine falsche Vorstellung davon, was es bedeutet, sein Kreuz auf sich zu nehmen. Sie denken, es bedeute, alles aufzugeben, nichts mehr zu genießen, sich nur noch zu quälen. Doch das ist nicht das Evangelium.
Jesus lädt uns nicht in eine schwere Last ein – er lädt uns in seine Freiheit ein. Denn in dem Moment, wo wir unser eigenes Ich loslassen, erleben wir seine Herrlichkeit, seine Kraft, seine Freude.
"Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht." (Matthäus 11,30)
Das Kreuz auf sich zu nehmen ist keine einmalige Entscheidung. Jesus sagt, dass wir es täglich tun sollen. Jeden Tag neu dürfen wir bewusst unser Ego am Kreuz ablegen und uns von ihm leiten lassen. Und ja, es wird immer wieder Situationen geben, in denen unser Ego aufbegehrt. Aber genau hier dürfen wir uns entscheiden: Lasse ich meine Selbstsucht regieren – oder lasse ich Christus in mir leben?
"Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir." (Galater 2,20)
Das ist wahre Nachfolge. Das ist wahre Freiheit.

Und genau das ist auch mein Thema. Ich kämpfe damit – so wie die meisten Christen. Es gibt Momente, in denen ich merke, dass mein Ego sich doch wieder in den Mittelpunkt stellt. In denen ich aus dem Fleisch reagiere, anstatt Jesus durch mich wirken zu lassen. Und in diesen Momenten könnte ich mich verurteilen, mich schämen oder in Selbstzweifel versinken. Aber genau das ist nicht Gottes Weg.
Ich möchte dich ermutigen: Schäme dich nicht, wenn du damit kämpfst. Schau die Wahrheit an und nimm sie an.Gott deckt Dinge nicht auf, um uns zu verurteilen, sondern um uns zu heilen und zu befreien. Und anstatt in Schuldgefühlen stecken zu bleiben, dürfen wir den nächsten Moment anders meistern.
Gott hat Zeit. Er ist nicht ungeduldig oder wütend, wenn wir versagen. Er erzieht uns nicht mit Druck, sondern mit Liebe. Er weiß, dass Heiligung ein Prozess ist, und er begleitet uns geduldig, Schritt für Schritt. Lass uns also mutig nach vorne gehen – nicht mit Angst vor Fehlern, sondern mit der Gewissheit, dass Jesus uns verändert. Nicht durch unsere Anstrengung, sondern durch seine Gnade,
eure Elena
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